Predigt von Pfarrerin Margot Lenz zum 3. Advent

 

 

Veröffentlicht am 17. Dezember 2018

Am Sonntag, den 16. Dezember 2018 hielt Pfarrerin Margot Lenz die Predigt in den Gottesdiensten in der Evangelischen Stadtkirche und im Evangelischen Gemeindezentrum am Wenzelstein.

 

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Liebe Gemeinde,

Weihnachten rückt näher. Nur noch acht Tage, bis wir an Heilig Abend in den Gottesdiensten zusammenkommen, um die Geburt Jesu zu feiern - und einander später die Geschenke überreichen, bang oder froh hoffend, dass sie dem Beschenkten auch gefallen mögen.

Daran schließen sich die Feiertage an, die unter der Prämisse stehen: vertragt euch, denn es ist doch Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens.

Und regelmäßig scheitern wir daran, denn Druck und das enge Miteinander während der Feiertage sind keine hilfreichen Voraussetzungen, um gut miteinander umzugehen.

Auch im Brief des Paulus an die Römer steht eine Aufforderung zu friedlichem Miteinander im Zentrum.

Wohl keine Handlungsanweisung für den weihnachtlichen Familienfrieden, sondern für das zusammen leben, zusammen feiern, zusammen beten in einer christlichen Gemeinde.

Es ist auch eher eine Ermutigung, denn sie steht nicht für sich allein. Sie ist verbunden mit Gott und der Weise, wie er sich uns Menschen zuwendet und mit uns umgehen will.


Am Sonntag, den 16. Dezember 2018 hielt Pfarrerin Margot Lenz die Predigt in den Gottesdiensten in der Evangelischen Stadtkirche und im Evangelischen Gemeindezentrum am Wenzelstein.

 

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Liebe Gemeinde,

Weihnachten rückt näher. Nur noch acht Tage, bis wir an Heilig Abend in den Gottesdiensten zusammenkommen, um die Geburt Jesu zu feiern - und einander später die Geschenke überreichen, bang oder froh hoffend, dass sie dem Beschenkten auch gefallen mögen.

Daran schließen sich die Feiertage an, die unter der Prämisse stehen: vertragt euch, denn es ist doch Weihnachten, das Fest der Liebe und des Friedens.

Und regelmäßig scheitern wir daran, denn Druck und das enge Miteinander während der Feiertage sind keine hilfreichen Voraussetzungen, um gut miteinander umzugehen.

Auch im Brief des Paulus an die Römer steht eine Aufforderung zu friedlichem Miteinander im Zentrum.

Wohl keine Handlungsanweisung für den weihnachtlichen Familienfrieden, sondern für das zusammen leben, zusammen feiern, zusammen beten in einer christlichen Gemeinde.

Es ist auch eher eine Ermutigung, denn sie steht nicht für sich allein. Sie ist verbunden mit Gott und der Weise, wie er sich uns Menschen zuwendet und mit uns umgehen will
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Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig und mit dem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden und der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): "Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen." Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): "Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!" Und wiederum (Psalm 117,1): "Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!" Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): "Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen." Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes
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Brief an die Römer, Kapitel 15, die Verse 4 bis 13

 

 

 

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Es ist ein seltsamer Zwiespalt, in dem wir in diesen Tagen stecken. Einerseits berührt uns die Botschaft von der rücksichtsvollen und verständnisvollen gegenseitigen Annahme sehr. Ja, so sollte es sein, sagen wir insgeheim.

Andererseits wissen wir auch, dass wir in diesen Wochen vieles sowohl im Kopf als auch auf unserer To-do-Liste haben. Plätzchen backen, Geschenke besorgen, Karten oder Weihnachtsmails schreiben. Weihnachtsaufführungen und -konzerte gestalten und besuchen. Die Krippenspiele einüben, Klassenarbeiten schreiben und korrigieren. Und jede und jeder unter uns kann die Liste noch beliebig ergänzen.

Andererseits höre ich so oft den Wunsch, die Bremse reinzuhauen, sich Zeit zu nehmen, im Advent nach innen zu gehen, sich bewusst werden, was das eigene Leben wirklich stärkt und ermutigt.

Und ich erinnere mich an kurze Momente in der vergangenen Woche, in denen die Zeit wie stillstand und etwas von der Besinnung zu spüren und erleben war, die im Advent immer wieder beschworen wird: beim Hören der Stubenmusik anlässlich des Jubilar-Seniorennachmittags. Da wurde es ganz still und nachdenklich, Atemholen für einen Moment.

Oder der Gottesdienst im Gemeindezentrum mit den Schülern und Schülerinnen der Hermann-Gmeiner-Schule: es war erstaunlich, wie ernsthaft und engagiert diese Kinder und Jugendlichen dabei waren, die in ihren Familien wohl nicht viel von der Geborgenheit erfahren, die die Weihnachtszeit ausmacht.


Und auch die Adventsbesinnung am vergangenen Freitag im Marienheim, die Pastoralreferentin Ulrike Krezdorn gehalten hat: zur Ruhe kommen bei Wort und Musik.

Das richtet unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Bibeltext aus dem Römerbrief. Denn er hat Worte für uns, die nicht nur im Advent und an Weihnachten ermutigen, stärken und Freude schenken: Geduld, Trost, Barmherzigkeit, Lob, Hoffnung. Sie sind wie Lichter auf dem Weg Gottes zu uns, zu dessen Vorbereitung uns der Wochenspruch schon eingeladen hat: "Bereitet dem Herrn den Weg." (Jesaja 40,3)

Wenden wir uns diesen Lichtern zu. Da wird zunächst die Geduld erwähnt.

Geduldig zu sein, das ist für viele Menschen heute ziemlich schwer. Das Wort "Geduld" kommt vom Althochdeutschen "dulten". Das heißt "tragen, ertragen". Im Neuen Testament bedeutet das griechische Wort für Geduld eigentlich "Darunterbleiben, Ausharren, Aushalten".

Manchmal ist es zu passiv gesehen worden, als ob wir einfach alles hinnehmen müssen, wie es ist. Für Paulus hat es vielmehr die Bedeutung von Ausharren. Von Standfestigkeit in der Bedrängnis, die die Christen von außen erleben. Geduld ist bei ihm nicht passives Erleiden, sondern aktives Ausharren und Durchhalten - "beharrliche Widerstandskraft".

Wir müssen heute wieder lernen, warten zu können. Das ist nicht selbstverständlich. Wir wollen die Lösung lieber schnell sehen, so wie es auch im Berufsleben gefordert wird.

Doch es braucht seine Zeit, bis eine Blume sich entfaltet, bis aus einer unansehnlichen Pflanze eine wunderschöne Orchideenblüte wächst.

Wir brauchen auch für die eigene Entwicklung Geduld. Verwandlung geschieht langsam und manchmal unmerklich. Wachstum braucht seine Zeit. Alles, was schnell ins Kraut schießt, verdorrt auch wieder schnell.

Geduld haben heißt nicht, über alles hinwegzuschauen, was geändert werden kann und geändert werden sollte.

Aber Geduld haben darf man auch mit sich selbst und einer Situation, die nicht geändert werden kann, die eher heitere Gelassenheit erfordert. Geduld heißt aber nicht, sich für immer mit einem Konflikt zu arrangieren oder faule Kompromisse zu schließen.

In der Geduld steckt auch die Kraft, auf Veränderung und Verwandlung hinzuarbeiten. Doch in der Geduld hat die Zeit einen wichtigen Platz. Wir lassen uns und den anderen Zeit, damit sich etwas wandeln kann.

"Geduldig ausharren, darunterbleiben, aushalten" sind Tugenden, die heute kaum gefragt sind. Und doch brauchen wir sie, um andere Menschen anzunehmen, um unser Leben zu meistern und die Probleme unserer Welt hoffnungsvoll zu bestehen.

Trost ist das nächste Licht für unseren Adventsweg.

Trost ist etwas anderes als vertrösten, mit Worten, die nicht aus dem Herzen kommen oder leere Floskeln sind. Trösten heißt, mit dem sein, der allein ist, der alleingelassen ist mit seinem Schmerz, mit seiner Not, mit seinem Verlust.

Im Neuen Testament bedeutet das Wort für trösten "herbeirufen, einladen, ermuntern, mit guten Worten zusprechen". Trösten geschieht im Reden, im Zusprechen von Worten, die wieder Sinn stiften in der Sinnlosigkeit, die jeder Verlust, jedes Scheitern verursachen.

Doch trösten heißt auch: die Hand halten, über den Kopf streichen, in die Arme nehmen und so zu zeigen: ich bin bei dir, ich lasse dich in dieser schweren Zeit nicht allein.

Trost erfahren, getröstet werden bedeutet, dass ich wieder Standfestigkeit bekomme. Dass die guten Worte den Schmerz verwandeln können, dass die Trauer nicht mehr lähmt, sondern einen neuen Weg aufzeigt. Einen Weg, den auch Jesus mitgeht, der zu uns gekommen ist, in unsere Trauer, als "der Trost der ganzen Welt."

Barmherzigkeit heißt das nächste Licht für diesen Weg.

Wir müssen es zusammen denken mit der Gerechtigkeit. Erfahrene, erlebte Barmherzigkeit macht uns nicht zu Bittstellern. Sie ist vielmehr solidarische Zuwendung, die wir erleben und selbst austeilen dürfen.

Diese Solidarität drückt sich im direkten, zwischenmenschlichen Umgang aus - wenn wir an die Menschen in unserer Umgebung denken, die diese Solidarität von uns brauchen. Wenn wir an Nachbarn denken, die nicht mehr so mobil sind und die sich freuen, wenn wir ihnen eine Besorgung abnehmen.

Barmherzigkeit gepaart mit Gerechtigkeit üben wir, wenn wir in diesen Tagen an unsere fernen Nächsten denken. "Brot für die Welt" ist dabei einer unserer Partner, der unsere Unterstützung in gute Bahnen lenkt.

Auf der politischen Bühne sind Barmherzigkeit und Gerechtigkeit seltene Gäste. Doch eine Nachricht ist mir in diesen Tagen besonders aufgefallen.

Kurz vor Weihnachten haben die beiden Kriegsgegner im Jemen, die von Saudi-Arabien geführte Allianz und die Huthi-Rebellen mit ihren Verbündeten einen Waffenstillstand vereinbart. So kann den an Hunger leidenden Menschen, vor allem den Kindern, endlich geholfen werden ...

Die nächste Kerze ist die Hoffnung.

Geduld, Trost, Barmherzigkeit, begleiten uns auf dem Weg zum Stall. Dort schauen wir das dritte Licht, die Hoffnung, die in Jesus Christus in unsere dunkle Welt gekommen ist.

In dieses Kind verwandelt sich Gott, dass die Welt verwandelt werde. Nicht durch Gewalt und Stärke, doch in vielen Schritten, geduldig und beharrlich, getröstet und ermutigt, gestärkt und begleitet von der Hoffnung machen wir uns als Christen und Christinnen gemeinsam auf den Weg.

"Und dabei erfülle uns der Gott der Hoffnung mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass wir immer reicher werden an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes."

Nun fehlt noch das letzte Licht - das Lob.

Eigentlich steht es in der Reihe vor der Hoffnung. Doch das Lob ist etwas, zu dem uns Geduld, Trost, Barmherzigkeit und Hoffnung ermutigen. Wenn wir diese letzteren erfahren, dann steigt in uns die Freude auf, die uns einstimmen lässt ins Lob Gottes.

Im Loben verbinden wir uns miteinander. Im Lob drückt sich unsere tiefe Dankbarkeit aus für alles, was Gott uns zukommen lässt. Loben können wir im Singen und im Beten.

Unser Lob gilt dem Gott der Hoffnung, der uns diesen Advent bereitet. Der uns an Weihnachten erwartet, an der Krippe, mit unseren leeren oder übervollen Herzen. Der uns die Hand reicht und spricht: "Lasset fahrn, o liebe Brüder, was euch quält; was euch fehlt, ich bring alles wieder." (aus einer Strophe des Liedes "Fröhlich soll mein Herze springen")

Und wir können antworten: "Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen." (aus einer Strophe des Liedes "Ich steh an deiner Krippen hier")

Oder so: "Es ist Zeit, die Lichter leuchten schon, die Hoffnung ist schon entzündet: Es ist Zeit, dass du kommst, mach dich auf zu uns, zeig dich endlich im fremden Kind ... und lehre uns die Sprache deiner Liebe, nimm die Angst aus dem Herzen und zeig uns dein Land, wo Honig fließt und wo keiner der Liebe den Hahn abdreht, wo die Angst weg ist und das Herz wieder blüht." (nach Kristin Jahn, Anderer Advent, 04.12.2018)

Amen.

 

Es ist ein seltsamer Zwiespalt, in dem wir in diesen Tagen stecken. Einerseits berührt uns die Botschaft von der rücksichtsvollen und verständnisvollen gegenseitigen Annahme sehr. Ja, so sollte es sein, sagen wir insgeheim.

Andererseits wissen wir auch, dass wir in diesen Wochen vieles sowohl im Kopf als auch auf unserer To-do-Liste haben. Plätzchen backen, Geschenke besorgen, Karten oder Weihnachtsmails schreiben. Weihnachtsaufführungen und -konzerte gestalten und besuchen. Die Krippenspiele einüben, Klassenarbeiten schreiben und korrigieren. Und jede und jeder unter uns kann die Liste noch beliebig ergänzen.

Andererseits höre ich so oft den Wunsch, die Bremse reinzuhauen, sich Zeit zu nehmen, im Advent nach innen zu gehen, sich bewusst werden, was das eigene Leben wirklich stärkt und ermutigt.

Und ich erinnere mich an kurze Momente in der vergangenen Woche, in denen die Zeit wie stillstand und etwas von der Besinnung zu spüren und erleben war, die im Advent immer wieder beschworen wird: beim Hören der Stubenmusik anlässlich des Jubilar-Seniorennachmittags. Da wurde es ganz still und nachdenklich, Atemholen für einen Moment.

Oder der Gottesdienst im Gemeindezentrum mit den Schülern und Schülerinnen der Hermann-Gmeiner-Schule: es war erstaunlich, wie ernsthaft und engagiert diese Kinder und Jugendlichen dabei waren, die in ihren Familien wohl nicht viel von der Geborgenheit erfahren, die die Weihnachtszeit ausmacht.


Und auch die Adventsbesinnung am vergangenen Freitag im Marienheim, die Pastoralreferentin Ulrike Krezdorn gehalten hat: zur Ruhe kommen bei Wort und Musik.

Das richtet unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Bibeltext aus dem Römerbrief. Denn er hat Worte für uns, die nicht nur im Advent und an Weihnachten ermutigen, stärken und Freude schenken: Geduld, Trost, Barmherzigkeit, Lob, Hoffnung. Sie sind wie Lichter auf dem Weg Gottes zu uns, zu dessen Vorbereitung uns der Wochenspruch schon eingeladen hat: "Bereitet dem Herrn den Weg." (Jesaja 40,3)

Wenden wir uns diesen Lichtern zu. Da wird zunächst die Geduld erwähnt.

Geduldig zu sein, das ist für viele Menschen heute ziemlich schwer. Das Wort "Geduld" kommt vom Althochdeutschen "dulten". Das heißt "tragen, ertragen". Im Neuen Testament bedeutet das griechische Wort für Geduld eigentlich "Darunterbleiben, Ausharren, Aushalten".

Manchmal ist es zu passiv gesehen worden, als ob wir einfach alles hinnehmen müssen, wie es ist. Für Paulus hat es vielmehr die Bedeutung von Ausharren. Von Standfestigkeit in der Bedrängnis, die die Christen von außen erleben. Geduld ist bei ihm nicht passives Erleiden, sondern aktives Ausharren und Durchhalten - "beharrliche Widerstandskraft".

Wir müssen heute wieder lernen, warten zu können. Das ist nicht selbstverständlich. Wir wollen die Lösung lieber schnell sehen, so wie es auch im Berufsleben gefordert wird.

Doch es braucht seine Zeit, bis eine Blume sich entfaltet, bis aus einer unansehnlichen Pflanze eine wunderschöne Orchideenblüte wächst.

Wir brauchen auch für die eigene Entwicklung Geduld. Verwandlung geschieht langsam und manchmal unmerklich. Wachstum braucht seine Zeit. Alles, was schnell ins Kraut schießt, verdorrt auch wieder schnell.

Geduld haben heißt nicht, über alles hinwegzuschauen, was geändert werden kann und geändert werden sollte.

Aber Geduld haben darf man auch mit sich selbst und einer Situation, die nicht geändert werden kann, die eher heitere Gelassenheit erfordert. Geduld heißt aber nicht, sich für immer mit einem Konflikt zu arrangieren oder faule Kompromisse zu schließen.

In der Geduld steckt auch die Kraft, auf Veränderung und Verwandlung hinzuarbeiten. Doch in der Geduld hat die Zeit einen wichtigen Platz. Wir lassen uns und den anderen Zeit, damit sich etwas wandeln kann.

"Geduldig ausharren, darunterbleiben, aushalten" sind Tugenden, die heute kaum gefragt sind. Und doch brauchen wir sie, um andere Menschen anzunehmen, um unser Leben zu meistern und die Probleme unserer Welt hoffnungsvoll zu bestehen.

Trost ist das nächste Licht für unseren Adventsweg.

Trost ist etwas anderes als vertrösten, mit Worten, die nicht aus dem Herzen kommen oder leere Floskeln sind. Trösten heißt, mit dem sein, der allein ist, der alleingelassen ist mit seinem Schmerz, mit seiner Not, mit seinem Verlust.

Im Neuen Testament bedeutet das Wort für trösten "herbeirufen, einladen, ermuntern, mit guten Worten zusprechen". Trösten geschieht im Reden, im Zusprechen von Worten, die wieder Sinn stiften in der Sinnlosigkeit, die jeder Verlust, jedes Scheitern verursachen.

Doch trösten heißt auch: die Hand halten, über den Kopf streichen, in die Arme nehmen und so zu zeigen: ich bin bei dir, ich lasse dich in dieser schweren Zeit nicht allein.

Trost erfahren, getröstet werden bedeutet, dass ich wieder Standfestigkeit bekomme. Dass die guten Worte den Schmerz verwandeln können, dass die Trauer nicht mehr lähmt, sondern einen neuen Weg aufzeigt. Einen Weg, den auch Jesus mitgeht, der zu uns gekommen ist, in unsere Trauer, als "der Trost der ganzen Welt."

Barmherzigkeit heißt das nächste Licht für diesen Weg.

Wir müssen es zusammen denken mit der Gerechtigkeit. Erfahrene, erlebte Barmherzigkeit macht uns nicht zu Bittstellern. Sie ist vielmehr solidarische Zuwendung, die wir erleben und selbst austeilen dürfen.

Diese Solidarität drückt sich im direkten, zwischenmenschlichen Umgang aus - wenn wir an die Menschen in unserer Umgebung denken, die diese Solidarität von uns brauchen. Wenn wir an Nachbarn denken, die nicht mehr so mobil sind und die sich freuen, wenn wir ihnen eine Besorgung abnehmen.

Barmherzigkeit gepaart mit Gerechtigkeit üben wir, wenn wir in diesen Tagen an unsere fernen Nächsten denken. "Brot für die Welt" ist dabei einer unserer Partner, der unsere Unterstützung in gute Bahnen lenkt.

Auf der politischen Bühne sind Barmherzigkeit und Gerechtigkeit seltene Gäste. Doch eine Nachricht ist mir in diesen Tagen besonders aufgefallen.

Kurz vor Weihnachten haben die beiden Kriegsgegner im Jemen, die von Saudi-Arabien geführte Allianz und die Huthi-Rebellen mit ihren Verbündeten einen Waffenstillstand vereinbart. So kann den an Hunger leidenden Menschen, vor allem den Kindern, endlich geholfen werden ...

Die nächste Kerze ist die Hoffnung.

Geduld, Trost, Barmherzigkeit, begleiten uns auf dem Weg zum Stall. Dort schauen wir das dritte Licht, die Hoffnung, die in Jesus Christus in unsere dunkle Welt gekommen ist.

In dieses Kind verwandelt sich Gott, dass die Welt verwandelt werde. Nicht durch Gewalt und Stärke, doch in vielen Schritten, geduldig und beharrlich, getröstet und ermutigt, gestärkt und begleitet von der Hoffnung machen wir uns als Christen und Christinnen gemeinsam auf den Weg.

"Und dabei erfülle uns der Gott der Hoffnung mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass wir immer reicher werden an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes."

Nun fehlt noch das letzte Licht - das Lob.

Eigentlich steht es in der Reihe vor der Hoffnung. Doch das Lob ist etwas, zu dem uns Geduld, Trost, Barmherzigkeit und Hoffnung ermutigen. Wenn wir diese letzteren erfahren, dann steigt in uns die Freude auf, die uns einstimmen lässt ins Lob Gottes.

Im Loben verbinden wir uns miteinander. Im Lob drückt sich unsere tiefe Dankbarkeit aus für alles, was Gott uns zukommen lässt. Loben können wir im Singen und im Beten.

Unser Lob gilt dem Gott der Hoffnung, der uns diesen Advent bereitet. Der uns an Weihnachten erwartet, an der Krippe, mit unseren leeren oder übervollen Herzen. Der uns die Hand reicht und spricht: "Lasset fahrn, o liebe Brüder, was euch quält; was euch fehlt, ich bring alles wieder." (aus einer Strophe des Liedes "Fröhlich soll mein Herze springen")

Und wir können antworten: "Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen." (aus einer Strophe des Liedes "Ich steh an deiner Krippen hier")

Oder so: "Es ist Zeit, die Lichter leuchten schon, die Hoffnung ist schon entzündet: Es ist Zeit, dass du kommst, mach dich auf zu uns, zeig dich endlich im fremden Kind ... und lehre uns die Sprache deiner Liebe, nimm die Angst aus dem Herzen und zeig uns dein Land, wo Honig fließt und wo keiner der Liebe den Hahn abdreht, wo die Angst weg ist und das Herz wieder blüht." (nach Kristin Jahn, Anderer Advent, 04.12.2018)

Amen
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Predigt von Pfarrerin Susanne Richter zur Freiheit hinter dem königlichen Gesetz der Nächstenliebe

 

 

Veröffentlicht am 15. Oktober 2018

Am Sonntag, den 14. Oktober predigte Pfarrerin Susanne Richter über die Freiheit des christlichen Glaubens, die hinter dem Gesetz der Nächstenliebe steht und ermutigte in ihrer Predigt, diese Freiheit zu entdecken und Menschen von Herz zu Herz zu begegnen ohne Ansehen der Person.

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Am Sonntag, den 14. Oktober predigte Pfarrerin Susanne Richter über die Freiheit des christlichen Glaubens, die hinter dem Gesetz der Nächstenliebe steht und ermutigte in ihrer Predigt, diese Freiheit zu entdecken und Menschen von Herz zu Herz zu begegnen ohne Ansehen der Person.


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Liebe Gemeinde,

ich sitze im Urlaub im Café und beobachte die Menschen um mich herum. Da schreit ein Kind. Die Mutter kann es nicht beruhigen. Das Kind ist wütend und trotzig. Die Familie des Mädchens hinter mir lacht.

Das Mädchen möchte Pommes essen. Irgendwann sagt die Mutter: "Nein! Es gibt jetzt keine Pommes mehr. Das interessiert mich jetzt nicht mehr."

Meine Bekannte sagt: "Hat jemand das Kind mal gefragt, was es möchte, warum es schreit." Ich überlege mir, was sind das wohl für Menschen, die so mit ihrer Tochter und Enkelin umgehen?

Wie oberflächlich. Es tut mir in der Seele weh. Ich habe Mitgefühl mit dem Mädchen. Und ich rege mich über die Erwachsenen auf.


Ich sehe einen Mann in einem Nobelschlitten vorbeifahren. Eine Frau im Minirock und hochhackigen Schuhen steigt ein.

"Was sind das wohl für oberflächliche Menschen, die es durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit zeigen müssen, dass Sie etwas Besseres sind. Wie armselig sie wohl in ihrem Inneren sind!", denke ich mir.

Kennen Sie solche Gedanken und Momente auch? Wie schnell urteilen wir über andere Menschen aufgrund ihres Äußeren oder ihres Verhaltens. Doch oft kennen wir sie überhaupt nicht. Und doch lassen wir uns verführen, sie zu verurteilen.

"Der Schein trügt" ist ein Sprichwort, das mich zurückhaltender werden lässt. Es steht mir nicht zu, andere Menschen aufgrund ihres Äußeren oder ihres Verhaltens zu beurteilen oder gar zu verurteilen.

Doch sind wir ehrlich: Oft tun wir es. Wie schnell ist ein Urteil gefällt, ohne dass wir es uns bewusst vorgenommen haben.

Ist das ein Kennzeichen unserer Zeit? Wohl nicht. Hören wir auf unseren heutigen Predigttext aus dem Jakobusbrief:

 

Liebe Gemeinde,

ich sitze im Urlaub im Café und beobachte die Menschen um mich herum. Da schreit ein Kind. Die Mutter kann es nicht beruhigen. Das Kind ist wütend und trotzig. Die Familie des Mädchens hinter mir lacht.

Das Mädchen möchte Pommes essen. Irgendwann sagt die Mutter: "Nein! Es gibt jetzt keine Pommes mehr. Das interessiert mich jetzt nicht mehr."

Meine Bekannte sagt: "Hat jemand das Kind mal gefragt, was es möchte, warum es schreit." Ich überlege mir, was sind das wohl für Menschen, die so mit ihrer Tochter und Enkelin umgehen?

Wie oberflächlich. Es tut mir in der Seele weh. Ich habe Mitgefühl mit dem Mädchen. Und ich rege mich über die Erwachsenen auf.


Ich sehe einen Mann in einem Nobelschlitten vorbeifahren. Eine Frau im Minirock und hochhackigen Schuhen steigt ein.

"Was sind das wohl für oberflächliche Menschen, die es durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit zeigen müssen, dass Sie etwas Besseres sind. Wie armselig sie wohl in ihrem Inneren sind!", denke ich mir.

Kennen Sie solche Gedanken und Momente auch? Wie schnell urteilen wir über andere Menschen aufgrund ihres Äußeren oder ihres Verhaltens. Doch oft kennen wir sie überhaupt nicht. Und doch lassen wir uns verführen, sie zu verurteilen.

"Der Schein trügt" ist ein Sprichwort, das mich zurückhaltender werden lässt. Es steht mir nicht zu, andere Menschen aufgrund ihres Äußeren oder ihres Verhaltens zu beurteilen oder gar zu verurteilen.

Doch sind wir ehrlich: Oft tun wir es. Wie schnell ist ein Urteil gefällt, ohne dass wir es uns bewusst vorgenommen haben.

Ist das ein Kennzeichen unserer Zeit? Wohl nicht. Hören wir auf unseren heutigen Predigttext aus dem Jakobusbrief:


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iebe Schwestern und Brüder! Eure Anerkennung der himmlischen Macht Jesu Christi soll dazu führen, dass ihr das weltliche Ansehen von Menschen nicht zum Kriterium eures Handelns macht. Wenn nämlich in eure Versammlung eine Person eintritt, die goldene Ringe und wertvolle weiße Kleidung trägt, dann wendet ihr euch dieser Person wohl zuvorkommend zu und sagt: "Kommen Sie, hier ist ein Sitzplatz für Sie." Wenn aber eine Person eintritt, die arm ist und schäbige Kleidung trägt, dann sagt ihr wohl: "Stellen Sie sich da hinten hin oder setzen Sie sich auf die Erde neben meine Fußbank." Wenn ihr auf diese Weise den Status der Menschen zum Kriterium eures Handelns macht, habt ihr nicht nur mit zweierlei Maßstäben gemessen, sondern ihr habt euch angemaßt zu richten und euch dabei auch noch von schlechten Interessen leiten lassen. Passt auf, liebe Geschwister: Ist es nicht so, dass Gott aus allen Menschen der Welt die Armen auserwählt hat? Sie sind reich im Glauben, und für sie ist Gottes zukünftiges Königreich bestimmt, das Gott denen versprochen hat, die Gott lieben. Ihr aber habt die Armen ihrer Würde beraubt. Ist es nicht so, dass die Reichen ihre Macht gebrauchen, um euch zu schikanieren? Sie zerren euch vor die Gerichte und entehren so den guten Namen Gottes, der über euch ausgerufen wurde. Ihr handelt richtig, wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt, wie es in der Schrift steht: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Wenn ihr aber die Person anseht, sündigt ihr, und das Gesetz entlarvt euch als solche, die das Gesetz übertreten. Denn wer grundsätzlich das Gesetz beachtet, aber eine seiner Bestimmungen übertritt, hat damit das ganze Gesetz übertreten. Denn Gott hat nicht nur gesagt: "Du sollst nicht ehebrechen", sondern auch: "Du sollst nicht töten." Wenn ihr nun zwar eure Ehen nicht brecht, stattdessen aber tötet, seid und bleibt ihr solche, die das Gesetz übertreten. So redet und handelt in dem Bewusstsein, dass ihr aufgrund des Gesetzes gerichtet werdet, das von Angst und Verurteilung befreit, wenn es beachtet wird. Das Gericht urteilt unbarmherzig über alle, die unbarmherzig handeln. Wer aber barmherzig ist, kann dem Gericht stolz entgegensehen.

 

 

Brief des Jakobus, Kapitel 2, die Verse 1 bis 13
aus der Bibel in gerechter Sprache

 

 

 

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Auch in den ersten christlichen Gemeinden zeigte sich bald nach ihrer Entstehung eine verhängnisvolle Entwicklung. Macht und Ansehen waren ungleich verteilt.

In der Gemeinde, von der Jakobus schreibt, galt nicht mehr der Grundsatz "Jeder ist gleich wertvoll, jede ist gleich wichtig". Es scheint immer mehr so zu werden: Diejenigen führen das Wort, die am meisten Geld einbringen.

Jakobus wehrt sich dagegen. Es ist nicht recht, die Reichen mehr zu achten als die Armen. Sie, die Armen, brauchen besondere Aufmerksamkeit und besondere Unterstützung.

Jesus sagt: "Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken". Jesus ist nicht gekommen, die Gesunden zu heilen, sondern die Kranken.

In der Gemeinde, die Jakobus vor Augen hat, scheint das vergessen zu sein. Ein offensichtlich armer, nicht angesehener Mensch, kommt in den Gottesdienst und ihm wird der Fußboden als Sitzplatz angeboten.

Jakobus warnt: Wenn ihr auf diese Weise die eine bevorzugt, den anderen aber zur Seite schiebt, dann habt ihr ein Urteil gefällt und euch angemaßt zu richten. Vielleicht habt ihr euch auch einen Vorteil davon versprochen, die gut angezogene Frau zu bevorzugen.

"Haltet den Glauben frei von allem Ansehen der Person." Frei vom Ansehen der Person, das heißt, nicht auf Äußerlichkeiten achten, sondern jedem Menschen die gleiche Würde und den gleichen Wert zuzugestehen. So erwarten wir es ja auch für uns selbst von den anderen. So hat uns Gott geschaffen und gedacht.

Jakobus mahnt uns: Wer sich auf Jesus Christus beruft, für den gilt dieser Maßstab: Jeder Mensch ist würdig, einzigartig und wertvoll, von Gott gewollt und geschaffen.

Jesus hat es uns immer wieder vorgelebt. Er hat sich mit denen an einen Tisch gesetzt, die von anderen verachtet wurden. Zum Beispiel mit den Zolleinnehmern. Die arbeiteten nicht nur den verhassten römischen Besatzern zu. Die wirtschafteten auch noch in die eigene Tasche.

Jesus ließ sich auch auf Frauen ein. Zum Beispiel auf jene kanaanäische Frau, die niemand von ihrem Leiden heilen konnte.

Wie wir am Beispiel der kanaanäischen Frau sehen - sie macht Jesus darauf aufmerksam, dass er nicht nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, sondern zu allen Menschen gesandt ist. Jesus lässt sich im Herz von ihr berühren und ändert sein Verhalten.

Jesus hat die Kinder zu sich gerufen. Seine engsten Vertrauten hatten sie wegjagen wollen. Jesus sagt zu ihnen: "Lasset die Kinder zu mir kommen, denn in das Himmelreich gelangt, wer wird wie ein Kind." Er nimmt die Kinder in den Arm, legt ihnen die Hände auf und segnet sie.

Mir fällt auch die Frau ein, die wegen Ehebruchs angeklagt ist und gesteinigt werden soll. Jesus bückt sich, malt ein Zeichen in den Sand. Er nimmt sich einen Moment Zeit. Er geht in sich. Und sagt dann: "Wer von euch ohne Sünde ist, hebe den ersten Stein und werfe ihn auf diese Frau."

Es ist wohl mucksmäuschenstill und einer nach dem anderen kehrt um und geht wortlos weg. Jesus hat alle an einem wunden Punkt getroffen. Keiner ist ohne Fehler und Schwächen. Alle irren sich.

Er wendet sich der Frau zu und gibt ihr zu verstehen: Niemand hat dich verurteilt. Auch ich verurteile dich nicht. So gehe du nun auch in dein Leben und mache diesen Fehler nicht noch einmal.

Jesus hat sich immer wieder den einzelnen Menschen zugewandt. Er hat sie in ihren Herzen berührt. Er begegnete den Menschen von Herz zu Herz ohne Ansehen der Person.

Er hat sich nicht von Äußerlichkeiten oder dem Gerede der Menge ablenken lassen. Er ist sich selbst treugeblieben.

So hat er Menschen ermutigt, ebenfalls zu sich zu stehen. Er hat sie darin bestärkt, sich selbst anzunehmen mit den eigenen Fehlern und Schwächen, mit dem eigenen Irrtum.

Nur so kann Veränderung gelingen. Und nur so kann es geschehen, dass der Mensch Mensch wird. Menschen werden immer mehr Mensch, wie von Gott gedacht und geschaffen. So wird es zum Frieden im eigenen Herzen und zum Frieden auf der Welt kommen.

Jakobus erinnert die christlichen Gemeinden damals, wie uns heute, an die Richtschnur unseres Handelns. Er nennt es das königliche Gesetz: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".

Welche Menschwerdung, welche Freiheit, welcher Frieden ist mit dem Handeln nach diesem Grundsatz möglich! Es geht darum, die Nächste, den Nächsten von Herz zu Herz wahrzunehmen, so, wie Jesus mich wahrnimmt, als seine Schwester, seinen Bruder.

Ich wünsche uns allen ein solches Handeln, das von Barmherzigkeit geprägt ist. Es lässt mich meinen Mitmenschen als Gottes Geschöpf sehen. Jedes hat die gleiche Würde wie ich und dieselbe Wertschätzung verdient.

Wie menschlich wird die Welt! Gott sei Dank.

Amen
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Auch in den ersten christlichen Gemeinden zeigte sich bald nach ihrer Entstehung eine verhängnisvolle Entwicklung. Macht und Ansehen waren ungleich verteilt.

In der Gemeinde, von der Jakobus schreibt, galt nicht mehr der Grundsatz "Jeder ist gleich wertvoll, jede ist gleich wichtig". Es scheint immer mehr so zu werden: Diejenigen führen das Wort, die am meisten Geld einbringen.

Jakobus wehrt sich dagegen. Es ist nicht recht, die Reichen mehr zu achten als die Armen. Sie, die Armen, brauchen besondere Aufmerksamkeit und besondere Unterstützung.

Jesus sagt: "Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken". Jesus ist nicht gekommen, die Gesunden zu heilen, sondern die Kranken.

In der Gemeinde, die Jakobus vor Augen hat, scheint das vergessen zu sein. Ein offensichtlich armer, nicht angesehener Mensch, kommt in den Gottesdienst und ihm wird der Fußboden als Sitzplatz angeboten.

Jakobus warnt: Wenn ihr auf diese Weise die eine bevorzugt, den anderen aber zur Seite schiebt, dann habt ihr ein Urteil gefällt und euch angemaßt zu richten. Vielleicht habt ihr euch auch einen Vorteil davon versprochen, die gut angezogene Frau zu bevorzugen.

"Haltet den Glauben frei von allem Ansehen der Person." Frei vom Ansehen der Person, das heißt, nicht auf Äußerlichkeiten achten, sondern jedem Menschen die gleiche Würde und den gleichen Wert zuzugestehen. So erwarten wir es ja auch für uns selbst von den anderen. So hat uns Gott geschaffen und gedacht.

Jakobus mahnt uns: Wer sich auf Jesus Christus beruft, für den gilt dieser Maßstab: Jeder Mensch ist würdig, einzigartig und wertvoll, von Gott gewollt und geschaffen.

Jesus hat es uns immer wieder vorgelebt. Er hat sich mit denen an einen Tisch gesetzt, die von anderen verachtet wurden. Zum Beispiel mit den Zolleinnehmern. Die arbeiteten nicht nur den verhassten römischen Besatzern zu. Die wirtschafteten auch noch in die eigene Tasche.

Jesus ließ sich auch auf Frauen ein. Zum Beispiel auf jene kanaanäische Frau, die niemand von ihrem Leiden heilen konnte.

Wie wir am Beispiel der kanaanäischen Frau sehen - sie macht Jesus darauf aufmerksam, dass er nicht nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, sondern zu allen Menschen gesandt ist. Jesus lässt sich im Herz von ihr berühren und ändert sein Verhalten.

Jesus hat die Kinder zu sich gerufen. Seine engsten Vertrauten hatten sie wegjagen wollen. Jesus sagt zu ihnen: "Lasset die Kinder zu mir kommen, denn in das Himmelreich gelangt, wer wird wie ein Kind." Er nimmt die Kinder in den Arm, legt ihnen die Hände auf und segnet sie.

Mir fällt auch die Frau ein, die wegen Ehebruchs angeklagt ist und gesteinigt werden soll. Jesus bückt sich, malt ein Zeichen in den Sand. Er nimmt sich einen Moment Zeit. Er geht in sich. Und sagt dann: "Wer von euch ohne Sünde ist, hebe den ersten Stein und werfe ihn auf diese Frau."

Es ist wohl mucksmäuschenstill und einer nach dem anderen kehrt um und geht wortlos weg. Jesus hat alle an einem wunden Punkt getroffen. Keiner ist ohne Fehler und Schwächen. Alle irren sich.

Er wendet sich der Frau zu und gibt ihr zu verstehen: Niemand hat dich verurteilt. Auch ich verurteile dich nicht. So gehe du nun auch in dein Leben und mache diesen Fehler nicht noch einmal.

Jesus hat sich immer wieder den einzelnen Menschen zugewandt. Er hat sie in ihren Herzen berührt. Er begegnete den Menschen von Herz zu Herz ohne Ansehen der Person.

Er hat sich nicht von Äußerlichkeiten oder dem Gerede der Menge ablenken lassen. Er ist sich selbst treugeblieben.

So hat er Menschen ermutigt, ebenfalls zu sich zu stehen. Er hat sie darin bestärkt, sich selbst anzunehmen mit den eigenen Fehlern und Schwächen, mit dem eigenen Irrtum.

Nur so kann Veränderung gelingen. Und nur so kann es geschehen, dass der Mensch Mensch wird. Menschen werden immer mehr Mensch, wie von Gott gedacht und geschaffen. So wird es zum Frieden im eigenen Herzen und zum Frieden auf der Welt kommen.

Jakobus erinnert die christlichen Gemeinden damals, wie uns heute, an die Richtschnur unseres Handelns. Er nennt es das königliche Gesetz: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".

Welche Menschwerdung, welche Freiheit, welcher Frieden ist mit dem Handeln nach diesem Grundsatz möglich! Es geht darum, die Nächste, den Nächsten von Herz zu Herz wahrzunehmen, so, wie Jesus mich wahrnimmt, als seine Schwester, seinen Bruder.

Ich wünsche uns allen ein solches Handeln, das von Barmherzigkeit geprägt ist. Es lässt mich meinen Mitmenschen als Gottes Geschöpf sehen. Jedes hat die gleiche Würde wie ich und dieselbe Wertschätzung verdient.

Wie menschlich wird die Welt! Gott sei Dank.

Amen
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Predigt von Pfarrerin Rahel Kießecker und Pfarrerin Eva Knoblauch zum 50-jährigen Jubiläum der Frauenordination in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

 

 

Veröffentlicht am 2. August 2018

Anlässlich des Jubiläums, das am Sonntag, den 22. Juli gefeiert wurde, predigten Pfarrerin Rahel Kießecker, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinden Asch, Sonderbuch, Wippingen und Lautern und Pfarrerin Eva Knoblauch aus Jungingen in der Evangelischen Stadtkirche Ehingen.

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Anlässlich des Jubiläums, das am Sonntag, den 22. Juli gefeiert wurde, predigten Pfarrerin Rahel Kießecker, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinden Asch, Sonderbuch, Wippingen und Lautern und Pfarrerin Eva Knoblauch aus Jungingen in der Evangelischen Stadtkirche Ehingen.


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Liebe Festgemeinde,

"ihr seid ganz schöne Einzelkämpfer, ihr evangelischen Pfarrer", sagte einmal eine Pastoralreferentin zu mir. Wir hatten gerade den Einschulungsgottesdienst miteinander geplant. "Ja, ich finde, dass ihr manchmal ganz schön einsam seid. Ich arbeite in vielen Teams. Ihr seid oft allein mit allem."

Ich schlucke das letzte Stück Butterbrezel runter, das mir fast im Hals stecken bleibt: Einsam. Und rutsche auf dem Stuhl hin und her. Einzelkämpferin. Alleinsein. Ich spüre meine Traurigkeit und spüle sie mit dem letzten Schluck lauwarmem Kaffee hinunter.

Einsamkeit auf dem Berufsweg. Sie begegnet mir auch bei den Theologinnen der ersten Stunde auf ihren Wegen. Theologiestudentinnen, manchem männlichen Kommilitonen vielleicht sogar eine Nasenlänge voraus. Und dann die Wege, die sich scheiden. Zur Pfarrgehilfin mit fast allen Pflichten reicht es. Das volle Pfarramt mit seinen Rechten bleibt verwehrt.

Einsam standen einige von ihnen da mit ihren Ideen von einer Gleichberechtigung von Mann und Frau. Mit ihrer Lust Theologie zu treiben und Gemeinde zu leiten - und stattdessen eine berufliche Sackgasse und persönliche Kränkung, weil sie das falsche Geschlecht hatten.

Ich glaube, der Antrieb der Pionierinnen war nicht der berufliche Aufstieg, sondern die Überwindung von Erniedrigung innerhalb der eigenen Reihen aufgrund der Reduzierung auf ihr Frausein.

Was hätten diese Frauen ihrem Weg für eine Überschrift gegeben? Ohnmächtig? Wütend? Ausgenutzt? Sich angepasst? Das Beste draus gemacht? Aufgegeben? Vergeben?

Die Verse des Predigttextes, den wir für diesen Festgottesdienst ausgewählt haben - sie stellen der Einsamkeit die Einigkeit an die Seite. Die Einigkeit im Geist und das Band des Friedens, das zusammenhält
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Liebe Festgemeinde,

"ihr seid ganz schöne Einzelkämpfer, ihr evangelischen Pfarrer", sagte einmal eine Pastoralreferentin zu mir. Wir hatten gerade den Einschulungsgottesdienst miteinander geplant. "Ja, ich finde, dass ihr manchmal ganz schön einsam seid. Ich arbeite in vielen Teams. Ihr seid oft allein mit allem."

Ich schlucke das letzte Stück Butterbrezel runter, das mir fast im Hals stecken bleibt: Einsam. Und rutsche auf dem Stuhl hin und her. Einzelkämpferin. Alleinsein. Ich spüre meine Traurigkeit und spüle sie mit dem letzten Schluck lauwarmem Kaffee hinunter.

Einsamkeit auf dem Berufsweg. Sie begegnet mir auch bei den Theologinnen der ersten Stunde auf ihren Wegen. Theologiestudentinnen, manchem männlichen Kommilitonen vielleicht sogar eine Nasenlänge voraus. Und dann die Wege, die sich scheiden. Zur Pfarrgehilfin mit fast allen Pflichten reicht es. Das volle Pfarramt mit seinen Rechten bleibt verwehrt.

Einsam standen einige von ihnen da mit ihren Ideen von einer Gleichberechtigung von Mann und Frau. Mit ihrer Lust Theologie zu treiben und Gemeinde zu leiten - und stattdessen eine berufliche Sackgasse und persönliche Kränkung, weil sie das falsche Geschlecht hatten.

Ich glaube, der Antrieb der Pionierinnen war nicht der berufliche Aufstieg, sondern die Überwindung von Erniedrigung innerhalb der eigenen Reihen aufgrund der Reduzierung auf ihr Frausein.

Was hätten diese Frauen ihrem Weg für eine Überschrift gegeben? Ohnmächtig? Wütend? Ausgenutzt? Sich angepasst? Das Beste draus gemacht? Aufgegeben? Vergeben?

Die Verse des Predigttextes, den wir für diesen Festgottesdienst ausgewählt haben - sie stellen der Einsamkeit die Einigkeit an die Seite. Die Einigkeit im Geist und das Band des Friedens, das zusammenhält
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Hier heißt es in Epheser 4, in den Versen 3 und 4:

Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung.

 

 

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Die Verse betonen, was dem Verfasser des Epheserbriefs in seinem zweiten Briefteil ohnehin wichtig ist: Dass, wer Christ ist, erlebt, dass er zur Gemeinschaft der Glaubenden gehört.

Gemeinschaft, ein Geist, ein Leib, ein Band des Friedens. Es klingt sehr harmonisch und einfach. Doch wir wissen alle, wie herausfordernd es doch manchmal sein kann, Menschen für die grundlegendste Form christlicher Gemeinschaft, den Gottesdienst, zu begeistern.

Wie anstrengend es sein kann, in einer Gemeinde Unterschiede auszuhalten und trotzdem zusammen zu arbeiten und zu leben, oder unter Kolleginnen und Kollegen. Und immer wieder aufs Neue um den einen Geist in der Kirche Jesu Christi zu ringen.

Die Gemeinschaft der Glaubenden ist eine geistliche Gemeinschaft, wenn sie ihre Vielfalt und das Unfertige an ihr als Reichtum begreift.

Was sie zusammenhält, das ist das Band des Friedens. Es ist nur ein Band und kein Webteppich, von dem der Predigttext spricht, unter den man etwa die Unterschiede, konkurrierende Interessen und Streitthemen immer schön drunter kehren könnte.

Einigkeit meint nicht, immer einer Meinung sein, in eintöniger Harmonie. Der Theologe Michael Klessmann sagt: "Ärger und Aggression in der Kirche können manchmal heilsam sein. Wenn sie mit Respekt vor dem andern ausgedrückt werden."

Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.

Was heißt das eigentlich "seid bedacht"? Schaut man im Wörterbuch nach, dann steht da: "sich eifrig zeigen, sich bemühen, bestrebt sein".

Wenn wir ein Ziel vor Augen haben, dann sind wir darauf bedacht, es auch zu erreichen - tun alles dafür, werden kreativ und lassen nicht locker.

Wenn wir merken, ein Wunsch kann in Erfüllung gehen, wenn ich einen bestimmten Weg gehe - dann nehmen wir schon auch Anstrengungen in Kauf.

Wenn wir uns engagieren für eine Sache - dann spürt man es uns an, wenn wir "mit Herzblut" dabei sind.

Mit Bedacht wird ein Haus gebaut, ein Geschäft aufgebaut und geführt, die Arbeit in einem Verein getan, in einem Chor oder Orchester geprobt, Reisen geplant, Familienleben oder Karrieren geplant ...

Auch die Ordination von Frauen ist so auf den Weg gebracht worden - die Stichworte haben es hörbar gemacht: "errungen; gewandelt; viele geworden; stolz, etwas erreicht zu haben" und "willkommen geheißen".

Ein Jubiläum erinnert an den Anfang und öffnet den Blick für das, was geworden ist. Das ist bei runden Geburtstagen so und auch, wenn ein Dienstjubiläum gefeiert wird. Das wird deutlich, wenn man in den Fotoalben blättert oder die Videos vom Anfang anschaut.

Der Anfang, der Ruf, "die Berufung" ist wie ein Schatz, auf den man im Alltag zurückgreifen kann. "Weißt du noch ...?", heißt es dann oft. Und im Austausch kommen die Wurzeln wieder in den Blick, die halten und tragen und nähren.

Das gilt auch für das Leben als Christenmensch. So verschieden wie wir Menschen, Frauen und Männer, sind, so unterschiedlich ist, was uns angesprochen hat, was die Begeisterung für die frohe Botschaft von Jesus Christus geweckt hat.

Als Pfarrerin an einer Predigt arbeiten zu können, im Tagesablauf einen Zeitpunkt haben, um über einen Bibeltext nachzudenken, in manchen Situationen auf den Schatz an Lied- oder Bibelversen zurückgreifen zu können, die nicht nur mit dem Kopf gewusst, sondern auch mit dem Herzen gelebt worden sind, von anderen zu wissen oder gar im Austausch zu sein, die dies auch tun - das verbindet.

Das verbindet in einer Tiefe "durch das Band des Friedens", das durch Christi Tod und Auferstehung geworden ist, für uns:

Frauen und Männer, Pfarrerinnen und Pfarrer aus unterschiedlichen Generationen. Junge Menschen und Menschen, die auf viele gelebte Jahre zurückschauen. Menschen, die in ihrer Heimat verwurzelt schon immer leben und Menschen, die in der Fremde nach Heimat suchen. Menschen, die voller Zuversicht und Vertrauen den Alltag leben und Menschen, die durch Ereignisse und Erlebnisse erschüttert sind, voller Fragen und Zweifel.

Dieses Band des Friedens, das sind die Osterlichtspuren im Alltag und im Leben auf dieser Erde, die es hell und klar machen in Herz und Gedanken.

Dieses Band des Friedens bringt uns wieder in Erinnerung, dass wir, Schwestern und Brüder, in Jesus Christus zusammengehören, füreinander Verantwortung haben, Leib Jesu Christi sind, durch Gottes Liebe, Kraft und Barmherzigkeit miteinander verbunden und in das Leben in dieser Welt gestellt.

Amen
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Die Verse betonen, was dem Verfasser des Epheserbriefs in seinem zweiten Briefteil ohnehin wichtig ist: Dass, wer Christ ist, erlebt, dass er zur Gemeinschaft der Glaubenden gehört.


Gemeinschaft, ein Geist, ein Leib, ein Band des Friedens. Es klingt sehr harmonisch und einfach. Doch wir wissen alle, wie herausfordernd es doch manchmal sein kann, Menschen für die grundlegendste Form christlicher Gemeinschaft, den Gottesdienst, zu begeistern.

Wie anstrengend es sein kann, in einer Gemeinde Unterschiede auszuhalten und trotzdem zusammen zu arbeiten und zu leben, oder unter Kolleginnen und Kollegen. Und immer wieder aufs Neue um den einen Geist in der Kirche Jesu Christi zu ringen.

Die Gemeinschaft der Glaubenden ist eine geistliche Gemeinschaft, wenn sie ihre Vielfalt und das Unfertige an ihr als Reichtum begreift.

Was sie zusammenhält, das ist das Band des Friedens. Es ist nur ein Band und kein Webteppich, von dem der Predigttext spricht, unter den man etwa die Unterschiede, konkurrierende Interessen und Streitthemen immer schön drunter kehren könnte.

Einigkeit meint nicht, immer einer Meinung sein, in eintöniger Harmonie. Der Theologe Michael Klessmann sagt: "Ärger und Aggression in der Kirche können manchmal heilsam sein. Wenn sie mit Respekt vor dem andern ausgedrückt werden."

Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.

Was heißt das eigentlich "seid bedacht"? Schaut man im Wörterbuch nach, dann steht da: "sich eifrig zeigen, sich bemühen, bestrebt sein".

Wenn wir ein Ziel vor Augen haben, dann sind wir darauf bedacht, es auch zu erreichen - tun alles dafür, werden kreativ und lassen nicht locker.

Wenn wir merken, ein Wunsch kann in Erfüllung gehen, wenn ich einen bestimmten Weg gehe - dann nehmen wir schon auch Anstrengungen in Kauf.

Wenn wir uns engagieren für eine Sache - dann spürt man es uns an, wenn wir "mit Herzblut" dabei sind.

Mit Bedacht wird ein Haus gebaut, ein Geschäft aufgebaut und geführt, die Arbeit in einem Verein getan, in einem Chor oder Orchester geprobt, Reisen geplant, Familienleben oder Karrieren geplant ...

Auch die Ordination von Frauen ist so auf den Weg gebracht worden - die Stichworte haben es hörbar gemacht: "errungen; gewandelt; viele geworden; stolz, etwas erreicht zu haben" und "willkommen geheißen".

Ein Jubiläum erinnert an den Anfang und öffnet den Blick für das, was geworden ist. Das ist bei runden Geburtstagen so und auch, wenn ein Dienstjubiläum gefeiert wird. Das wird deutlich, wenn man in den Fotoalben blättert oder die Videos vom Anfang anschaut.

Der Anfang, der Ruf, "die Berufung" ist wie ein Schatz, auf den man im Alltag zurückgreifen kann. "Weißt du noch ...?", heißt es dann oft. Und im Austausch kommen die Wurzeln wieder in den Blick, die halten und tragen und nähren.

Das gilt auch für das Leben als Christenmensch. So verschieden wie wir Menschen, Frauen und Männer, sind, so unterschiedlich ist, was uns angesprochen hat, was die Begeisterung für die frohe Botschaft von Jesus Christus geweckt hat.

Als Pfarrerin an einer Predigt arbeiten zu können, im Tagesablauf einen Zeitpunkt haben, um über einen Bibeltext nachzudenken, in manchen Situationen auf den Schatz an Lied- oder Bibelversen zurückgreifen zu können, die nicht nur mit dem Kopf gewusst, sondern auch mit dem Herzen gelebt worden sind, von anderen zu wissen oder gar im Austausch zu sein, die dies auch tun - das verbindet.

Das verbindet in einer Tiefe "durch das Band des Friedens", das durch Christi Tod und Auferstehung geworden ist, für uns:

Frauen und Männer, Pfarrerinnen und Pfarrer aus unterschiedlichen Generationen. Junge Menschen und Menschen, die auf viele gelebte Jahre zurückschauen. Menschen, die in ihrer Heimat verwurzelt schon immer leben und Menschen, die in der Fremde nach Heimat suchen. Menschen, die voller Zuversicht und Vertrauen den Alltag leben und Menschen, die durch Ereignisse und Erlebnisse erschüttert sind, voller Fragen und Zweifel.

Dieses Band des Friedens, das sind die Osterlichtspuren im Alltag und im Leben auf dieser Erde, die es hell und klar machen in Herz und Gedanken.

Dieses Band des Friedens bringt uns wieder in Erinnerung, dass wir, Schwestern und Brüder, in Jesus Christus zusammengehören, füreinander Verantwortung haben, Leib Jesu Christi sind, durch Gottes Liebe, Kraft und Barmherzigkeit miteinander verbunden und in das Leben in dieser Welt gestellt.

Amen
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